Der Präsident des Reservistenverbands, Patrick Sensburg, appelliert an die Politik, die Voraussetzungen für eine starke Reserve zu schaffen. Um Deutschland in der Fläche zu verteidigen, bräuchte man 300.000 bis 350.000 Soldaten. „Die Zahl der Reservisten müsste um das Dreifache sein, also rund knapp eine Million“, sagte Sensburg im Interview mit t-online.
Den Berechnungen der Nato zufolge sterben in einem möglichen Krieg an der Ostflanke 5000 Soldaten täglich. „Danach kommen Reservisten, wenn es sie denn gibt“, so Sensburg. „Ich hätte als Soldat in der aktiven Truppe ein schlechtes Gefühl, wenn keine Reservisten in der Nähe wären. Denn wenn ich von 5000 Toten ausgehe und danach rückt niemand mehr nach, kann ich ausrechnen, wie lange es dauert, bis die Front einbricht.“
Sensburg kritisierte Verteidigungsminister Boris Pistorius, dessen Wehrdienst-Modell im ersten Jahr 5000 freiwillige Wehrdienstleistende einplant. Das sei „illusorisch“ und eine „viel zu kleine Zahl“. „Die Personalnot ist das größte Problem der Bundeswehr, aber die Politik verschließt weiter die Augen, weil sie Angst vor dem Wähler hat. Sie müssten der Bevölkerung reinen Wein einschenken und sagen: Ohne Wehrpflicht scheitern wir an unseren selbst gesetzten Zielen und würden einen Krieg verlieren.“
Wer die Durchhaltefähigkeit der Bundeswehr nicht glaubwürdig vermittle, weil sie nur drei Tage Munition oder zu wenige Soldaten habe, erziele keinen Abschreckungseffekt, so Sensburg – und warnt die schwarz-roten Verhandler: „Wenn die neue Regierung nicht zügig handelt, gefährdet sie die Sicherheit dieses Landes.“
Die Wehrbeauftragte des Bundestags, Eva Högl, hat dagegen das von Pistorius vorgeschlagene Wehrdienstmodell befürwortet. In ihrem Mitte März veröffentlichten Jahresbericht 2024 nennt sie es einen „guten und richtigen Vorschlag“. Demnach könnte die Musterung und Auswahl der geeignetsten und motiviertesten Bewerberinnen und Bewerber auf Grundlage eines Fragebogens erfolgen. Dieser müsste von Männern verpflichtend und von Frauen freiwillig ausgefüllt werden.
Einer Wiedereinführung der 2011 ausgesetzte Wehrpflicht erteilt Högl jedoch eine Absage. Dies sei „keine gute Idee“, sagte die SPD-Politikerin. Das „würde die Bundeswehr überfordern“, denn es mangele an vielem. Es gebe „nicht genügend Stuben, nicht genügend Ausrüstung, nicht genügend Ausbilderinnen und Ausbilder“. Auch Pistorius lehnt derzeit eine Dienstpflicht ab.