Immer mehr Menschen legen großen Wert auf gesunde Ernährung – doch bei einigen wird daraus Besessenheit. Orthorexie beschreibt diesen zwanghaften Fokus auf gesundes Essen. Betroffene zeigen ein extremes Essverhalten, bei dem die Gedanken ständig um Nahrungsqualität kreisen. Die Störung ist oft schleichend, Betroffene werden mit der Zeit zunehmend strenger mit sich selbst.
Die Psychologin Friederike Barthels vom Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung beschäftigt sich seit über zehn Jahren mit dem Phänomen. Sie erklärt: Das Spektrum der möglichen Ernährungsweisen bei Menschen, die an Orthorexie leiden, ist breit: Veganerinnen können ebenso betroffen sein wie jene, die auf die Keto-Diät oder Rohkost setzen.
„Objektiv betrachtet ernähren sich einige Betroffene tatsächlich sehr gesund“, so Barthels. „Andere nutzen aber vielleicht weniger seröse Quellen, schränken ihre Ernährungsweise immer weiter ein, sodass am Ende nur noch sehr wenig Lebensmittel gegessen werden.“ Dann kann Orthorexie auch körperlich zu einem Gesundheitsproblem werden.
Warum ist Orthorexie keine offizielle Diagnose?
Orthorexie gilt nicht als eigenständige Essstörung – es liegen noch nicht genügend Daten vor. Erst nach langjähriger Forschung und eindeutigen Studien kann ein Störungsbild in gängige Klassifikationssysteme aufgenommen werden. Zudem ist umstritten, ob es sich um ein eigenes Krankheitsbild handelt oder nur um eine Variante bekannter Essstörungen.
Psychologin Barthels sieht sowohl Argumente für als auch gegen eine Aufnahme in entsprechende Klassifikationssysteme: Dafür spreche, dass eine offizielle Diagnose dazu führen könnte, dass Experten Fachbücher entwickeln, Leitlinien für eine Therapie formulieren oder spezielle Behandlungszentren einrichten. So könnten Betroffene leichter Hilfe finden. Ebenso könnte es allerdings zu einer Pathologisierung von Verhaltensweisen kommen, die eigentlich normal sind oder nur in vorübergehenden Lebensphasen auftreten.
Darüber hinaus kann eine Orthorexie etwa für Menschen mit vorheriger Magersucht vielleicht sogar einen Fortschritt darstellen: „Aufgrund der hohen Sterblichkeitsrate bei der Anorexie ist es letztendlich besser, wenn die Person lernt, überhaupt etwas zu essen, selbst wenn das zwanghaft oder sehr eingeschränkt ist.“
Unklar ist bislang, wie viele Menschen betroffen sind. Barthels schätzt die Zahlen ähnlich wie bei anderen Essstörungen ein. Das hieße, weniger als ein Prozent der Bevölkerung wäre betroffen. Ältere Studien haben teils deutlich höhere Zahlen ergeben, besonders Ernährungsberater und sportlich aktive Studierende waren dort überproportional betroffen.
Was sind Warnzeichen für eine Orthorexie?
Orthorexie offenbart sich auf verschiedene Weise. Am auffälligsten ist die exzessive Beschäftigung mit der Lebensmittelauswahl und eine stark eingeschränkte Ernährung der betroffenen Person. Gefährdet ist aber auch, wer sich aufgrund seiner Essgewohnheiten sozial isoliert, um auf das Essen in gesellschaftlichen Kontexten wie Familienfeiern zu verzichten.
Aufpassen sollten auch Menschen, die oft Schuldgefühle oder Angst nach dem Verzehr „unerlaubter“ Lebensmittel haben und übermäßig viel Zeit in das Planen und Vorbereiten seiner Mahlzeiten stecken. „Ein weiteres wichtiges Warnzeichen ist, wenn die Ernährung das Leben dominiert und andere Bereiche wie Freundschaften oder Hobbys vernachlässigt werden“, betont Expertin Barthels.
Dazu kommen gewisse Risikofaktoren wie der eigene Persönlichkeitstyp. Orthorexie tritt eher bei perfektionistischen Menschen mit hohem Kontrollbedürfnis auf. Auch Zwangsstörungen oder Ängstlichkeit können das Risiko erhöhen. Ebenso kann eine frühere Essstörung das Risiko, an Orthorexie zu erkranken, erhöhen.
Welche psychologischen Mechanismen stehen dahinter?
Orthorexie kann als Bewältigungsstrategie für Stress oder Unsicherheit dienen. „Das strikte Befolgen von Ernährungsregeln vermittelt ein Gefühl von Kontrolle und Sicherheit“, sagt Barthels. Ein weiterer Faktor kann die Angst vor Krankheiten sein. Oft haben Betroffene eine sehr perfektionistische Vorstellung von Gesundheit: „Ich muss mich jeden Tag 100 Prozent perfekt fühlen, was natürlich unrealistisch ist.“
Barthels betont auch: Viele Betroffene überschätzen den Stellenwert von Ernährung. „Natürlich ist es nicht gut, wenn ich mich jeden Tag nur von Schokolade ernähre, aber wenn ich jeden Tag einen Schokoriegel esse, wird das meine Gesundheit auch nicht massiv beeinträchtigen.“ Menschen mit orthorektischem Ernährungsverhalten neigten dagegen dazu, einzelnen Ereignissen sehr große Bedeutung beizumessen.
Auch soziale Medien können eine Rolle bei der Erkrankung spielen. Studien unterstreichen den negativen Effekt, den das ständige Betrachten definierter und dünner Körper der Fitness-Influencer auf Instagram und anderen Plattformen hat. „Letztendlich werden diese aber niemanden orthorektisch machen“, sagt Barthels. Vielmehr müsse dafür eine Prädisposition vorliegen, die dann vielleicht verstärkt werde.

Daher sehen Wissenschaftler die Bedeutung sozialer Medien durchaus ambivalent. So zeigen einige Arbeiten, dass Betroffene durch die Vernetzung mit anderen ein Problembewusstsein entwickeln und sich gegenseitig darin unterstützen, ihre Essstörung zu überwinden.
Welche therapeutischen Ansätze sind wirksam?
Laut Psychologin Barthels kann eine Behandlung, die an Essstörungstherapien angelehnt ist, hilfreich sein – oder auch eine Ernährungsberatung. Dabei ist aber wichtig, nicht gegen das Wertesystem der betroffenen Person zu arbeiten: „Einem Veganer im Zuge der Beratung Fleisch zu empfehlen, ist dann nicht hilfreich.“ Ebenso kann Betroffenen eine Psychotherapie helfen, wenn die Orthorexie eine Reaktion auf Stress ist.
Letztlich geht es darum, einen entspannten Umgang mit der eigenen Ernährung zu finden und wieder Freude am Essen mit Freunden oder Hobbys zu finden, sagt Barthels: „Es ist ja nicht nur das Essen, was dann darüber entscheidet, wie gut es einem letztendlich geht und wie gesund man ist.“