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Bielefeld ist besoffen vor Glück – Die Alm bebt: „Das erlebst Du nicht nochmal“

Maximilian Großer war ohnehin kaum zu verstehen, da unterbricht Fabian Klos das Interview. Zu laut waren die Fans von Arminia Bielefeld, die gerade ihre Pokalhelden feierten. „Geh‘ schnell dahin, das erlebst Du nicht noch einmal im Leben“, rät die Vereinsikone von Arminia Bielefeld und schickt den 23-Jährigen vor die Fankurve. Dabei weiß Klos gar nicht, wovon er spricht. Mehr als 13 Jahre und fast 400 Partien war er für die Arminia im Einsatz. Mittlerweile steht er als TV-Experte am Spielfeldrand. Doch selbst er hat das nicht erlebt: Zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte steht die Arminia im Pokalfinale.

Das ist die nüchterne Nachricht. Dahinter steckt aber viel mehr: Sensation, Überraschung, Eskalation. Komplett unerwartet wirft der Drittligist den Titelverteidiger Bayer Leverkusen mit 2:1 (2:1) aus dem Pokal – und fährt tatsächlich nach Berlin ins Olympiastadion. Mit dem Schlusspfiff brennt Pyrotechnik auf den Tribünen, Fans stürmen auf der legendären Alm aufs Spielfeld, sie müssen vom Stadionsprecher eiligst wieder zurückbeordert werden. Schließlich soll dort nächste Woche wieder ein Drittligaspiel stattfinden.

Doch daran denkt an diesem denkwürdigen Pokalabend niemand. Großer, einer der Protagonisten des Pokalhalbfinales, rang nach Abpfiff um Worte. „Es ist einfach surreal“, sagte der Verteidiger am Sky-Mikrofon, der das am Ende entscheidende 2:1 kurz vor der Halbzeit erzielte. Er habe schon beim Aufwärmen am ganzen Körper eine Gänsehaut gehabt. Als Tabellenvierter in der Dritten Liga einen Bundesligisten aus dem Wettbewerb zu werfen, das sei einfach unfassbar, sagte Großer. Schließlich sei die Werkself in der vergangenen Saison dort hindurchmarschiert.

Ein „unglaubliches Gefühl“

Es stellt sich nach diesem Spiel tatsächlich die Frage, wie Bielefeld das gemacht hat. Geholfen hat Titelverteidiger Bayer Leverkusen unfreiwillig: Die Werkself von Trainer Xabi Alonso stellte ihre bewährte Spielweise um. Der Drittligarasen auf der Alm war schuld: Statt des dominanten Kurzpassspiels sollten es lange Bälle sein, das war der Plan. Nur funktionierte das überhaupt nicht. Die Leverkusener fanden überhaupt nicht ins Spiel, hatten zwischenzeitlich eine grausige Passquote von nur 62 Prozent.

Und trotzdem ging der deutsche Meister in Führung. Verteidiger Jonathan Tah traf nach einer verlängerten Ecke in der 17. Minute. Der Ausgleich ließ jedoch nicht lange auf sich warten. Auch nach dem frühen Nackenschlag „gehen die Köpfe nicht runter“, sagte der Ausgleichsschütze Marius Wörl. „Wir haben auf unsere Chance gelauert.“ Die kam auch prompt. Schon drei Minuten später traf er zum Ausgleich. „Der Ball fällt perfekt zu mir. Ich sehe, dass der Gegenspieler am Boden liegt. Dann schiebe ich ihn rein“, sagte er bei Sky. Es sei ein „unglaubliches Gefühl“ gewesen.

Doch auch danach findet Bayer Leverkusen nicht ins Spiel. Als Beobachter wartete man auf den Sturmlauf der Werkself, nur kam der nicht. Auch Bayers Robert Andrich war nach Abpfiff sprachlos. „Wir müssen ehrlich sein: Selbst gegen einen Drittligisten war das viel zu wenig“, sagte er bei Sky. In allen Phasen des Spiels habe die Werkself den Kürzeren gezogen. „Ich denke, dass uns sehr viele Prozentpunkte auf dem Platz gefehlt haben.“ Doch das war eher eine Frage der Einstellung, nicht des Personals. „Bei allem Respekt für Bielefeld: Wenn wir Normalform haben, sollten wir mit jedem Spieler im Kader weiterkommen“, resümierte der DFB-Star.

Auch Bayers Torwart Lukas Hradecky wunderte sich nach dem Schlusspfiff. Man habe den Klassenunterschied nicht gesehen. Er wolle die Zweikampfquoten gar nicht sehen, dabei hatte Leverkusen mehr davon gewonnen (62 zu 38). Viel Energie sei in unwichtigen Dingen verschwendet worden – etwa in Debatten mit dem Schiedsrichter, sagte Hradecky. „Das war eine unterklassige Leistung.“ Den unperfekten Belag ließ er nicht zählen, das seien nur Ausreden, erklärte der Kapitän.

Dabei hätte Bayer Leverkusen eigentlich wissen können, worauf sie sich einlassen. Die Sensation kam keineswegs überraschend. Auf dem Weg ins Halbfinale hatten die Arminen schon Hannover 96, Union Berlin, SC Freiburg und Werder Bremen ausgeschaltet. Jedes Mal war aufs Neue das altehrwürdige Stadion zum Kochen gebracht worden, es wurde zum Hexenkessel. Auch diesmal war es so. Schon vorher zogen die Anhängerinnen und Anhänger mit einem großen Fanmarsch und viel Pyrotechnik zur Alm. Das, was er nach Abpfiff gespürt hat, habe er so noch nie gespürt, sagte Wörl bei Sky. Es sei ein unfassbarer Abend gewesen.

Am Ende, sagte Bielefeld-Mitch Kniat, sei er einfach nur stolz. Sein Trainerteam habe einen überragenden Job gemacht, erklärte er bei Sky. Sie hätten alle Akteure rechtzeitig fit bekommen. Er habe noch nie gegen Bayer Leverkusen verloren, diese Serie hat gehalten. Und das wird gefeiert: „Heute schläft keiner in der Stadt“, ergänzte er in der ARD. „Glück brauchten wir gar nicht, denn wir waren die ganze Zeit am Drücker“, fasste er das Spiel zusammen.

Er hoffe, dass das Pokalmärchen auch Aufwind für die restlichen Wettbewerbe gibt. In der dritten Liga kämpft Bielefeld noch um den Aufstieg, dazu gibt es noch den Landespokal. Und ein neuer Termin steht nun im Kalender: In Berlin spielt die Arminia am 24. Mai entweder gegen den VfB Stuttgart oder RB Leipzig, die sich heute im zweiten Halbfinale messen. Vielleicht gibt es auch dann eine Sensation.

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